Schön, dass du da bist! Ich werde hier jede Woche die Geschichten um Herrn Wurmapfel weitererzählen. Scrolle einfach nach unten!

Josef Moosbauer
Herr Wurmapfel zieht um
Band 1
Illustrationen von Helmut Musil

Prolog
Mein Onkel Alfred Wurmapfel war viele Jahre Grundschullehrer und unterrichtete meistens in
den Anfangsklassen, wo die Kleinen noch gerne seinen Geschichten lauschten.
Dabei erzählte er seinen Schülern immer wieder im Unterricht, was er zuhause so erlebte.
Oder wenn sie Ausflüge mit dem Bus unternahmen, versprach er, er würde ihnen am
Autobahnberg zeigen, wo er wohne. Dort zeigte er dann auf den Fernsehturm, und riet ihnen,
genau hinzusehen, dann würden sie sogar seine Katze auf dem Fensterbrett sitzen sehen.
Die Kinder waren immer wieder fasziniert von der Wohnlage ihres Lehrers und fragten ihn,
Tage später noch, wo er z.B. sein Auto parke. Die Eltern erzählten ihm manchmal in der
Sprechstunde, dass ihr Kind ihnen davon berichtet habe und sie zum Fernsehturm fahren
mussten. Sogar beim Schulfest diskutierten die Eltern über seinen besonderen Wohnort.
Immer wenn ich als Bub meinen Onkel dort oben besuchen durfte, erzählte er auch mir von
seinen Erlebnissen und dem Interesse seiner Schulkinder an den Geschichten rund um den
Fernsehturm. Da meinem Onkel das ausführliche Schreiben nicht so lag, habe ich mich
hingesetzt und seine Geschichten aus der großen Stadt für die Nachwelt aufgeschrieben.
Die schönen Bilder malte mein langjähriger Freund und Künstler Helmut Musil, den ich vor
vielen Jahren auf einer Kunstausstellung kennen lernte, wo er seine Gemälde ausgestellt
hatte.

Personen
Alfred Wurmapfel      Grundschullehrer, nicht verheiratet
Kater Paulchen           Wurmapfels bester Freund
Udo Eimer                   Postbote und Angelfreund
Dirk                              Mitarbeiter der Fernmeldefirma
Mona Angstwein       Immobilienmaklerin
Herbert Maulbär       Turmeigentümer und Vermieter
Otto und Mirko          Sehr kräftige Möbelpacker
Ulla von Scherben     Haushälterin von Wurmapfel
Franz Josef Stich        Schreiner und Schachpartner

Inhalt
1. Der Besuch in der großen Stadt
2. Der Antrag auf Versetzung
3. Die Entscheidung ist gefallen
4. Keiner will eine Katze haben
5. Eine besondere Wohnung
6. Ein Umzug mit Hindernissen
7. Neue Bekanntschaften
8. Eine Katzenklappe für Paulchen

1. Der Besuch in der großen Stadt
Herr Wurmapfel kam damals als kleiner Junge mit seinem Vater zum ersten Mal in die große Stadt und war sofort begeistert. Sie lag an einem großen Fluss, es gab eine lange Brücke darüber aus alten Steinen und die alte Domkirche mit einer tollen Eisdiele daneben. Und es war etwas los hier! Viele Autos, Menschen, Geschäfte. Dort, wo die Autobahn den Berg hinaufführte, hatte er sich die Nase an der Scheibe plattgedrückt und vom Seitenfenster aus den riesigen Fernsehturm bestaunt.
Jetzt war er gerade an derselben Stelle vorbeigefahren. Gleich danach kam eine Ausfahrt, und er fuhr heute wie früher schon sein Papa die vierspurige Einfallstraße bis ins Zentrum. Was es allerdings früher nicht so oft gab, waren die vielen Ampeln, bei denen man ziemlich zügig fahren musste, um die grüne Welle zu erwischen. Da zwangen die einen, schneller als die erlaubten fünfzig Stundenkilometer zu fahren, damit überall grün war. Fuhr man langsamer, wechselte die nächste Ampel auf rot und man stand schon wieder und musste warten. Aber dadurch lernten die Menschen auch, Geduld aufzubringen und entspannt zu reisen. Irgendwann erreichte man schon sein Ziel.
Herr Wurmapfel war in die große Stadt gekommen, weil er in der riesigen Bibliothek der Universität, wo er vor einigen Jahren seine Ausbildung zum Lehrer absolviert hatte, etwas erledigen musste. Er brauchte nämlich ein paar neue pädagogische Fachbücher, die es dort umsonst zu leihen gab. Die Straße zum Universitätsberg hinauf mit den schönen alten Alleebäumen liebte er immer noch, obwohl man vor allem im Herbst fürchten musste, dass einem steinharte Kastanien aufs Blech fielen und neben dem ordentlichen Schrecken auch noch eine Beule auf dem Autodach hinterließen.
Bevor er oben neben den gewaltigen Betongebäuden in die Tiefgarage abbog, fiel sein Blick auf das Mensagebäude, wo es damals oft leckere und gar nicht so teure Gerichte zu essen gab. Dabei lief ihm sogar heute noch das Wasser im Munde zusammen. Ob er sich nachher schnell etwas leisten sollte? Sein Magen begann gerade zu knurren...
Im Gedanken an die alten Zeiten übersah er den Fußgängerüberweg unterhalb der Mensa vor der Bushaltestelle. Eine elegante, schlanke Dame war gerade dabei, die Straße zu überqueren. Herr Wurmapfel war zwar nicht sehr schnell unterwegs, konnte aber sein Auto nicht mehr rechtzeitig abbremsen und kam mitten auf dem Zebrastreifen nur einige Zentimeter vor den Beinen der Frau zum Stehen. Diese reagierte zum Glück blitzschnell und wich etwas zurück. Dann aber knallte sie plötzlich ihre Handtasche mit voller Wucht auf die Motorhaube von Herrn Wurmapfels rotem, italienischem Cabrio.
„He, Sie Flegel! Können Sie nicht aufpassen? Sie hätten mich fast überfahren! Hat eine Landnummer. Natürlich, der Trottel!“ begann die Frau zu schimpfen. Herr Wurmapfel war ebenfalls fürchterlich erschrocken. Zum einen hatte er wirklich zu lange von der Fahrbahn weggeschaut und den Zebrastreifen und die Dame darauf übersehen. Sie war aber anscheinend nicht verletzt, sonst hätte sie nicht so schimpfen können. Zum anderen ging es ihm um seine Auto: „He, was soll das? Sie spinnen wohl, schlagen einfach auf mein Auto mit ihrer blöden Handtasche!“ Er stellte den Wagen an den rechten Straßenrand, schaltete die Warnblinkanlage ein und stieg aus.

So geht es weiter:

Die Frau war zurück gegangen und sah ihn giftig an. „Seien Sie bloß froh, dass ich zurückgewichen bin, sonst läge ich jetzt unter Ihrem Auto. Da wäre noch mehr Schaden, vor allem bei mir, Sie Flegel!“

„Und was ist mit meinem verchromten Kühlergrill und der Motorhaube? Die hat bestimmt ein paar Kratzer!“ Herr Wurmapfel hätte weinen können. Natürlich war er auch froh, dass der Dame nichts passiert war, trotzdem liebte er auch seinen roten italienischen Flitzer.

„Es tut mir sehr Leid, dass ich Sie übersehen habe“, stammelte er etwas unsicher und auf Versöhnung bedacht: „Aber müssen Sie gleich zuschlagen?“

„Hören Sie auf zu jammern! Passen Sie auf, hier haben Sie meine Karte. Sie lassen die lächerlichen Kratzer auf der Motorhaube beseitigen und schicken mir die Rechnung. Ich muss weiter, hab schließlich noch etwas Anderes zu tun.“

Damit war für sie anscheinend dieser Fall erledigt. Sie drückte Herrn Wurmapfel einen Zettel in die Hand und tippelt auf ihren hohen Stöckelschuhen zu dem wartenden Bus. Herr Wurmapfel sah ihr hinterher und bewunderte insgeheim ihre Figur, die das bunte Kleid noch attraktiver machte. Er dagegen stand da wie ein kleiner Junge, den seine Mutter verlassen hat. Er brauchte ein paar Augenblicke, um sich wieder zu beruhigen. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Visitenkarte und las „Mona Angstwein, Privat- und Gewerbeimmobilien – Ihre Partnerin für ein neues Zuhause!“

Immer noch wütend wegen seiner Unaufmerksamkeit, schleuderte er das Ding hinter den Fahrersitz, stieg ein und fuhr in die Tiefgarage. Hoffentlich ging der Tag in der großen Stadt nicht so weiter... Herr Wurmapfel erledigte seine Geschäfte ohne weitere unangenehme Zwischenfälle und genoss es einmal wieder, später in der Fußgängerzone herumzuschlendern und in die Auslagen der Geschäfte zu schauen. Er besuchte auch das riesige Kaufhaus, bei dem man alles ansehen und kaufen konnte, was man zum täglichen Leben, aber auch in der Freizeit und im Urlaub brauchte. Dazu gab es dort keine Schlangen, in die man sich einreihen musste, bis man drankam und auch die Öffnungszeiten waren viel länger als bei ihm zu Hause auf dem Land. Er setzte sich anschließend noch in ein Café neben dem riesigen Dom, der Kirche des Bischofs, und bestellte sich einen Cappuccino mit einem Stück Mohnkuchen. Ein selbstbewusst wirkender Ober servierte nur wenige Minuten später das Bestellte. Das Gebäck sah verführerisch aus. Beim ersten Bissen aber stellte er fest, dass der Kuchen mit Unmengen von Rosinen versehen war.

Den backte seine kleine Bäckerei zuhause wesentlich besser und saftiger – und vor allem ohne Rosinen! Jede einzelne pickte er mit der Gabel heraus und produzierte so einen ordentlichen Rosinenhaufen.  

Zuhause... zuhause! Er hatte Paulchen vergessen, seinen Kater und Mitbewohner in dem gemieteten Häuschen am Rande des Dorfes. Weil es am Morgen geregnet hatte, hatte er die Katzenklappe wieder zugemacht, damit der Kater mit seinen großen, samtigen Pfoten keinen Dreck in die Wohnung tragen konnte. Der war jetzt sicher schon ausgeschlafen nach seinem frühmorgendlichen Spaziergang, hatte Hunger und wollte wieder raus!

Herr Wurmapfel hielt nach der Bedienung Ausschau, um die Rechnung zu begleichen und schnell wieder heim zu fahren. „Sind Sie schon fertig mit dem Kuchen?“ Der Tonfall hörte sich ziemlich streng an, der Blick passte dazu. „Äh, ja. Ich darf keine Rosinen essen. Das hat mir mein Arzt verboten“, stammelte Herr Wurmapfel.

„Dass ich nicht lache! Sie wollen mich wohl veräppeln?“ Der Ober wurde nicht freundlicher. „Sagen Sie es lieber gleich, wenn sie keine Rosinen mögen! Dann nehme ich den Teller mit dem Haufen halt wieder mit. Sechsachtzig!“

Mit leichtem Schlucken zückte Herr Wurmapfel den Geldbeutel und gab ihm sieben Euro. Teuer war das schon in der Stadt. Trotzdem suchte er noch ein Fünfzigcent-Stück und legte es dazu. „Stimmt so“, sagte er.

Auf der Heimfahrt war er anfangs ziemlich schnell unterwegs, um zu Paulchen zu kommen. Als ihm aber Gedanken an den Tag in der Stadt durch den Kopf schwirrten, fuhr er immer langsamer. Schließlich, kurz vor dem heimatlichen Ortsschild, rief er auf einmal: „Genau, das mache ich! Ich will mich in die große Stadt versetzen lassen!“

So geht es weiter:

2. Der Antrag auf Versetzung
Paulchen erwartete ihn schon ungeduldig an der Türe und wollte nach einem kurzen, hellen „Miau“ an ihm vorbei zur Haustüre hinaus schleichen. Katzen sind so, dachte sich sein Herrchen. Da hetze ich wegen ihm heim und er sieht mich kaum an. Aber wenn ihm nach Kraulen und Schmusen zumute ist, soll ich schon für ihn da sein und Zeit haben.
Aber heute ließ er ihn nicht so einfach gehen. Er packte den ziemlich schweren Kater mit beiden Händen und setzte ihn sich auf seinen linken Arm. „Na, was meinst du, Paulchen? Sollen wir in die große Stadt ziehen? Da gibt es viele andere Katzen und auch Mäuse und Vögel und Kaninchen – und viele Autos... Ich weiß, aber wir werden schon eine Wohnung finden, wo ein schöner Garten dabei ist, damit du raus kannst.“
Noch am selben Abend war der Versetzungsantrag fertig. Herr Wurmapfel hatte das Formular im Internet auf der Seite der Regierung gefunden und gleich ausgedruckt. Man musste noch eine Begründung formulieren und eine Liste ausfüllen, über welche besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten man verfügte. Herr Wurmapfel kopierte den Antrag dreimal, suchte einen passenden Briefumschlag und brachte das Ganze zum Briefkasten auf dem Dorf-platz.
Nun begann die Zeit des Wartens. Herr Wurmapfel war an seiner bisherigen Schule immer gerne gewesen. Es gab nur vier Klassen und die Kinder kannten ihn alle. Weil er aber oft als Vertretungslehrer eingesetzt war, musste er auch immer wieder in Schulen an anderen Orten aushel-fen. So kam er zwar viel herum und lernte dabei eine Menge Kinder und Kollegen kennen. Aber er sehnte sich immer mehr nach einem eigenen Klassenzimmer und den täglich gleichen Kindern, die man dann natürlich viel besser kennenlernen und erziehen konnte.
Nach drei Wochen wurde er allmählich ungeduldig. Immer wenn er von der Schule kam und Udo Eimer mit dem
Fahrrad traf, hielt er ihn an und fragte, ob Post vom Schulamt für ihn dabei sei. Udo war der örtliche Postbote und ihm ein Freund geworden, seit sie regelmäßig mitei-nander zum Angeln gingen. Er war ein Experte, was die verschiedenen Köderarten anging, und wusste immer interessante Geschichten zu erzählen, was er schon alles und mit welcher Methode gefangen hatte und wie groß die Fische alle gewesen waren. Früher...

Denn in den letzten beiden Jahren, wenn sie zusammen am Flüsschen saßen, hatte Udo Eimer nicht wirklich große Erfolge gehabt: ein paar Köderfische, die er mit seinen unappetitlichen Maden anlockte. Aber Köderfische wo-für? Die großen Brocken wie Hechte, Zander und Waller blieben lieber im Wasser und suchten sich andere Lecker-bissen. Herr Wurmapfel fing zumindest manchmal ein Rotauge oder einen Barsch. Er angelte mit Regenwür-mern, die ihm zwar immer Leid taten, aber mit künstli-chen Ködern hatte er trotz vieler Versuche noch weniger Erfolge vorzuweisen. „Du musst Geduld haben, Fred!“ rief ihm der Postbote nach, während er schon auf dem Weg zu den nächsten Briefkästen war. Außerdem will ich ja gar nicht, dass du versetzt wirst!“ Herr Wurmapfel wollte das schon....

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