Josef Moosbauer

Herrn Wurmapfel und der Goldene Kelch

Illustrationen von Helmut Musil

Personen

 

Alfred Wurmapfel                Grundschullehrer, nicht verheiratet

Kater Paulchen                     Wurmapfels bester Freund

Ulla von Scherben                Haushälterin von Wurmapfel

Wladimir Trutzkos               Russischer Geheimagent, Anführer

Igor Polimov                         Russischer Geheimagent, Gehilfe

Sina Mörtz                            Verkäuferin

Alexander Dumsky               Agentenführer in Moskau

Maximilian Senfberger         Würstchenbudenbesitzer

1. Zwei komische Besucher

Der Frühling nahte in großen Schritten. Allmählich wurden die Tage länger und die Reste des kurzen, aber heftigen Schneefalls vom letzten Wochenende konnten sich gegen die aufkommende Wärme nicht mehr ausreichend wehren. In kleinen Bächlein näherten sich die in Schmelzwasser aufgelösten Schneekristalle den Abflussrinnen auf den Straßen. Die darüberfahrenden Autos spritzten sich gegenseitig mit den Pfützen voll, und wer das Pech hatte, sich gerade am Gehsteig daneben aufzuhalten, bekam eine Ladung schmutzigen, salzigen Wassers ab. Wütende Blicke und geballte Fäuste gab es immer wieder, doch die Übeltäter entkamen hinter der nächsten Biegung.

Auch Herr Wurmapfel genoss die aufkommende Wärme, aber mehr noch sein Kater Paulchen, der sein rotbraunes Winterfell - so oft es ihm möglich war - den Sonnenstrahlen entgegenstreckte und den Frühling in sich aufnahm. Er wollte jetzt auch nicht mehr bis zum Morgen warten, bis sein Herrchen endlich das Haus in Richtung Schule verließ, sondern Herr Wurmapfel musste ihn schon lange vor dem Morgengrauen ins Freie entlassen. Dies war nicht so einfach, denn trotz vieler Bemühungen und Trainingseinheiten wollte Paulchen es nicht lernen, alleine mit dem Aufzug von der Wohnungsplattform hinunter zu fahren, wo sich von selber die Aufzugstüren öffneten, und durch das kleine, offene Fenster am Fuße des Turmes ins Freie zu gelangen. Er war eben kein Hund! Zum Glück, dachte sich Herr Wurmapfel, denn da müsste ich am Tag zweimal mit ihm spazieren gehen, Hundekacke in eine Tüte stecken und diese auch noch entsorgen. Pfui, nein, so war es besser... Er fuhr lieber um drei oder halb vier mit Paulchen im Aufzug hinunter, ließ ihn ins Freie laufen und legte sich dann wieder gemütlich ins Bett, um noch ein paar Stunden zu schlafen.

Auf das Wochenende fiel ohnehin der Beginn der Osterferien. Nun musste er sowieso nicht schon um sieben Uhr losfahren, sondern konnte länger liegen bleiben. Umso lieber schenkte er in der Nacht seinem Kater die Freiheit. Dieser bedankte sich auf seine Weise: Da nun die Mäuse ihren Winterschlaf beendet hatten und der Fettvorrat an ihrem Bauch aufgebraucht war, mussten sie ihr sicheres Versteck verlassen und auf Nahrungssuche gehen. Diesen aufzulauern war die Freizeitbeschäftigung für einen lebenslustigen Kater, der das Glück hatte, sein Dasein nicht als Wohnungskatze fristen zu müssen. Beinahe jeden Morgen, wenn sein Herrchen ins Freie trat, lag vor der Haustüre eine Maus, deren spitze Nase seltsam nach hinten gebogen war. Eine Spitzmaus. Die schmeckten angeblich den kleinen Raubkatzen nicht so gut wie Feldmäuse mit ihrem eher rundlichen Gesicht und wurden deshalb an die Menschen verschenkt – die versorgten einen ja schließlich auch in magereren Zeiten mit köstlichem Dosenfutter...

Doch an diesem Morgen war alles anders: Paulchen war seit halb zwei unruhig, stieg auf seinem Herrchen herum, miaute leise und kratzte trotz seiner Katzenklappe innen an der Wohnungstüre. Entnervt ließ Herr Wurmapfel ihn dann doch schon eine Stunde früher als sonst hinaus.